Collaborative Consumption

… oder was macht Paul mit meinen Lehrbüchern?

In meinem Abiturjahrgang wurde das Loswerden der ungeliebten Lernmaterialien zelebriert. Binnen weniger Stunden hatten wir unsere Aufzeichnungen aus zwei Jahren Unterricht dem Erdboden mehr oder weniger gleich gemacht oder die Autos der Lehrer*innen damit verschönert. Doch alle Lehrmaterialien wurden wir nicht los. Die Lehrbücher, die man sich über die Jahre hinweg angeschafft hatte, waren noch aktuell und viel zu teuer gewesen, um sie einfach in den Papiercontainer zu werfen. Also wurde der Großteil des Folgejahrgangs mit den Büchern versorgt und der Rest verschwand erst mal im Keller.

Vor ungefähr zwei Monaten fand der Großteil meiner übrigen Schullehrbücher den Ausweg aus dem muffigen Kellerabteil. Paul, ein Kollege, erzählte mir von seinen anstehenden Abiturprüfungen und mir-nichts-dir-nichts übergab ich ihm einen Sammelband zu Mathematik-, Deutsch- und Geschichtsabiturwissen, sowie mehrere Geographie- und Biologielehrbücher. Es lag für mich auf der Hand, die Bücher an ihn weiterzugeben. Schließlich konnte ich sie nicht mehr gebrauchen und für Paul würden sie vielleicht eine Hilfe darstellen und ihm Sicherheit geben.

Ich habe mit Paul meine Bücher geteilt und damit auf persönlicher, vereinfachter Ebene kollaborativ konsumiert. Wir folgten damit (wenn auch unbewusst und nicht beabsichtigt) einem Trend, der sich immer mehr in der Gesellschaft etabliert – dem kollaborativen Konsum.

Benkler zufolge, ermöglichen die technischen Innovationen der unzählig vorhandenen Privatrechner und die Vernetzung über das Internet miteinander, den Menschen weltweite, einfache und unkomplizierte Zusammenarbeit und einen aktiven Part in der Informationsproduktion (vgl. Schmaltz, 2012). Kollaboratives Konsumieren sowie Produzieren beruht auf „sozialpsychologischen und emotionalen Motivationsmustern“ (Schmaltz, S.177, 2012). Die Gründer einer Non-Profit-Organisation für die Vermittlung von Mikrokrediten glauben, dass „Menschen von Natur aus großzügig sind und anderen helfen“ (Rifkin, S.150, 2011) wollen, sofern sich dies für sie selbst transparent und übersichtlich gestaltet.

Rachel Botsman und Roo Rogers beschreiben in „What’s Mine Is Yours“, dass immer mehr Menschen die Vorteile von Collaborative Consumption erkennen – es spart Geld, Zeit und Raum sowie lernt man neue Menschen kennen (vgl. Botsman/Rogers, S. XV, 2010).

Schaut man sich auf Webseiten um, die sich explizit Portalen widmen, bei denen Collaborative Consumption die Regel #1 ist, so bekommt man schnell einen Überblick, was Privatpersonen alles miteinander teilen und austauschen. Des Weiteren bekommt man eine genauere Vorstellung davon, wie kollaborativ die moderne Gesellschaft schon ist. Von Werkzeugen über Kleidung bis hin zu Booten und Schlafplätzen. Aber auch wenn man in einer Großstadt wie Berlin unterwegs ist, begegnet man Formen des gemeinsamen Gebrauchs – Carsharing, Bikesharing oder Ticketteilen.

Angeregt durch das Bücherteilen mit Paul, suchte ich auf http://www.collaborativeconsumption.com/ nach einem Portal, welches sich die gemeinsame Nutzung von Büchern als Ziel gesetzt hat. Dort bin ich dann auf http://www.bookswapper.de/bookswap/ gestoßen – ins Leben gerufen von Kata und Resi, die gerne englische Bücher lesen und den Traum von einem Buch-Tausch-Laden hatten. Die Funktionsweise ist schnell erklärt: man meldet sich kostenlos an und bietet im Katalog so viele englischsprachige Bücher zum Tausch an (mindestens aber fünf), wie man möchte. Dadurch erhält man einen Token, der es dem*r Nutzer*in ermöglicht sich ein Buch aus dem Katalog auszusuchen. Um sich ein Buch bestellen zu können, benötigt man einen Token. Sobald jemand ein Buch von mir bestellt, muss ich es einfach an ihn verschicken und bekomme einen neuen Token.

Alles in allem, finde ich, dass gemeinsames Konsumieren eine außerordentlich interessante und sinnvolle Entwicklung ist, mit der es sich lohnt intensiver zu beschäftigen. Aus diesem Grund werde ich wohl bald auch mal Bücher swappen ausprobieren – vielleicht werde ich so auch mal die Bücher aus dem Englischunterricht los.
Paul hat übrigens mittlerweile einige Prüfungen hinter sich und bisher ein gutes Gefühl – auch Dank meiner alten Lehrbücher. 😉

 

Quellen:
Botsman, Rachel und Roo Rogers. 2011a. Introduction: What’s Mine Is Yours. In: What’s Mine Is Yours: The Rise of Collaborative Consumption, ix-xxii. London: Collins

Rifkin, Jeremy. 2011b. Dezentraler Kapitalismus. In: Die dritte industrielle Revolution: die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, 135-158. Frankfurt am Main

Collaborative Consumption. Sharing reinvented through technology. http://www.collaborativeconsumption.com/ (Zugriff: 14.05.2014, 23:12)

bookswapper.de – swap English books for free http://www.bookswapper.de/bookswap/ (Zugriff: 15.05.2014, 13:43)