Umsonstläden

Systemfehler

Markus Franken beschreibt in „Teilen, Tauschen, Schenken: eine neue Kultur des Konsums“ das Entstehen eines neuen Marktes für kollaboratives Nutzen von Gütern. Das Internet bietet uns die Möglichkeit des unerschöpflichen Zugangs zur Warenwelt. Alles kann im Prinzip jederzeit und überall von jedermann erworben werden. So ist es ist nicht mehr nötig, ein Auto, eine Bohrmaschine oder einen Pürierstab zu besitzen. [1]

„Der Abschied vom Alleineigentum ist inzwischen so selbstverständlich geworden, dass uns der Übergang in die Welt des fließenden Besitzens gar nicht mehr auffällt.“ [2]

Neben Carsharing-Unternehmen und Online-Tauschbörsen, die sich jenen Wandel des Konsumierens längst wirtschaftlich gewinnbringend zu Nutzen gemacht haben und damit zu Weltkonzernen aufgestiegen sind, versuchen auch Privatpersonen ein Stück von jenem Kuchen abzusahnen.

Der einst romantisch plakative Gedanke vom gemeinsamen Nutzen, Nicht-besitzen-müssen ist längst zum gigantischen Wirtschaftsmarkt herangewachsen.

Franken bestreitet zwar nicht, dass z.B. die Entscheidung zu einer Mitgliedschaft bei einem Carsharing-Unternehmen ressourcenorientiert begründet ist. [3] Zu wenig ist aber die Marktentwicklung in den Wohnzimmern der Nutzer beleuchtet.

Vermutlich liegen dem beschriebenen Gedankenwandel vielmehr steigende Mieten und sich nicht gleichermaßen entwickelnde Löhne zu Grunde. In Wahrheit stellt die Anonymität sowie das bröckelige juristische Fundament des Internets die Kuchengabel zum Naschen vom Kuchen bereit. Längst haben Privatpersonen den steuerparadiesischen Markt für sich entdeckt und können über ihn einen netten Nebenverdienst erlangen: vom Physik-Lehrbuch, welches noch eingeschweißt im Regal stehend höchstens einem dekorativen Zweck dient, über die defekte Heckenschere vom Opa, bis hin zum Schnäppchen aus dem Supermarkt von nebenan, welches wenige Monate später gewinnbringend über das Internet verhökert wird, findet man sämtliche Zutaten zum Kuchenstück des kollaborativen Schwarzmarktes.

Wie jene Idee des gemeinsamen Konsumierens auch ohne finanzielle Bereicherung funktionieren kann, habe ich am Karfreitag kennenlernen dürfen. Kuchen naschend begrüßten mich zwei junge Frauen. Sie helfen im Umsonstladen „Systemfehler“.

Das Projekt wird über den Verein zur Förderung solidarischen und kooperativen Handeln e.V. organisiert und versteht sich als „Plattform für solidarische Ökonomie“ sowie als Veranstaltungsort. [4]

Systemfehler

Es riecht nach Kaffee, Tee, Kuchen und Muff. Ich entscheide mich für einen Getreidekaffee, der mir mit Bio-Soja-Milch gereicht wird und versuche mehr über das Projekt „Umsonstladen“ zu erfahren. Eigentlich ist es ganz einfach: „In Umsonstläden werden Gegenstände zur kostenfreien Mitnahme bereitgestellt. Umgekehrt kann jeder Gegenstände dort abgeben, die er nicht mehr braucht.“ [5]

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Einerseits sei dieses Konzept die Alternative zur kapitalistischen Warengesellschaft. Andererseits beruht jenes auf dem Warenüberfluss eben jener Warengesellschaft. [6]

Janina hilft jeden Freitag ab 16Uhr im Schenkcafé mit. Sie erzählt, dass oft viel mehr abgegeben als mitgenommen wird. Die Leute, die man hier trifft, sind genauso verschieden, wie die etlichen Dinge, welche man in dem kleinen Kabuff im hinteren Teil des Ladens findet. Es seien alle herzlich willkommen –außer Nazis.

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Finanziert wird das Projekt über Spenden, die in einer Blechdose am Kuchenbuffet gesammelt werden, und Paten/-innen, die mit einem Dauerauftrag monatlich ein bis fünf Euro auf das Konto des Projekts überweisen. Das Finanzierungsmodell funktioniert leider nur mit mäßigem Erfolg, berichtet Janina. Im Dezember 2013 haben sie sogar schon ein Schild an die Tür gehangen, auf dem sie mitteilten, dass die Schließung des Ladens in drei Monaten folgt.

In Berlin gibt es sechs weitere Umsonstläden. Einer wird z.B. von einer Schule betrieben, ein anderer von einer Kirchengemeinde und wieder ein anderer von einem sozialen Verein. Sie alle eint der solidarisch ehrliche Urgedanke des gemeinsamen Konsumierens –ohne Geld ein Stück vom Kuchen.

 

 

[1] Vgl. Franken, Markus und Heinrich-Böll-Stiftung. 2013a.Teilen, Tauschen, Schenken: eine neue Kultur des Konsums. In: Bericht aus der Zukunft: wie der grüne Wandel funktioniert, S. 249-258. München: oekom.

[2] Ebd. S. 249

[3] Franken, Markus und Heinrich-Böll-Stiftung. 2013a.Vom Teilen: Carsharing. In: Bericht aus der Zukunft: wie der grüne Wandel funktioniert, S. 149. München: oekom.

[4] SolidarKoop e.V. Systemfehler. 2014. http://systemfehler-berlin.de.vu/ (Zugegriffen: 16.04.2014)

[5] Umsonstläden. 2009. www.umsonstladen.de/ (Zugegriffen: am 16.04.2014)

[6] Vgl. Ebd.

4 Gedanken zu “Umsonstläden

  1. vanessatoh schreibt:

    Mir gefällt dein Eintrag sehr gut, besonders, dass du persönlich zu einem Umsonstladen gegangen bist um dir ein eigenes Bild darüber zu machen..
    Auf diese Weise konntest du direkt in Kontakt mit den Mitarbeitern des Ladens kommen, was deinem Beitrag Glaubwürdigkeit verleiht, da du dadurch an Informationen erster Hand gelangen konntest.

    Außerdem finde ich die Bilder gut, die deinem Beitrag noch einmal deinen persönlichen Touch geben (ich nehme an, dass du die Bilder selber geschossen hast)

    Danke für den Beitrag!

    Gefällt 2 Personen

  2. carolinroocks schreibt:

    Dein Blogpost gefällt mir sehr gut. Ich mag deinen Schreibstil und dass sich der Aspekt mit dem Stück Kuchen durch deinen kompletten Post zieht. Dadurch, dass du selber in einem Umsonstladen warst und dir ein eigenes Bild machen konntest, wirkt dein Post wie eine kleine Geschichte und macht ihn dadurch noch interessanter. Vielleicht hättest du ein bisschen mehr darauf eingehen können, dass der Laden eigentlich kurz vor der Schließung steht und damit so einen kleinen Ausblick auf die Zukunft solcher Läden geben können. Aber insgesamt wirklich ein sehr gelungener Blogpost.

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  3. crln schreibt:

    Von Umsonstläden hatte ich bisher noch gar nichts gehört und muss nach deinem Beitrag jetzt sagen – leider! Die Idee, die hinter solchen Läden steckt ist eine sehr gute und ich bin der Meinung, dass du das (auch durch deinen Besuch in einem Umsonstladen und deinen Beschreibungen) sehr gut vermittelt hast. Der rote Faden mit dem „Kuchen“ finde ich sehr gelungen und zusammen mit den Bilder lockert es den Beitrag gut auf.
    Die Tatsache, dass der Laden kurz vorm schließen ist, hättest du, meiner Meinung nach, noch etwas mehr ausführen können. Aber dennoch, ein gelungener Beitrag! Danke für’s Näherbringen von Umsonstläden 🙂

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  4. kimrabensdorf schreibt:

    Auch ich finde deinen Blogpost sehr gelungen und freue mich über die eigenen Eindrücke, die deinen Text besonders interessant machen. Schade, dass sich das Konzept des Ladens bisher noch nicht wirklich durchsetzen konnte, vermutlich fehlt es hier noch an der „kritischen Masse“. Konzepte wie dieses haben meiner Meinung nach gesellschaftlich einen großen Wert, da sie zum Nachdenken anregen: Wie viel braucht man wirklich? Warum fällt es uns so oft schwer zu teilen? Das Verzicht eine gute Sache ist, ist ja eine der Grundüberzeugungen der Minimalisten. Der Zeit online Artikel vom 31.3.2014: Minimalismus – weniger ist mehr, ist meiner Meinung nach ein guter Beitrag dazu, was diese Menschen antreibt, welche Rolle das Internet spielt und warum Minimalismus sogar zu einer sozialen Bewegung aufsteigen könnte. Mehr dazu unter: http://www.zeit.de/2014/13/minimalismus (letzter Zugriff am: 27.06.2014)

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