Erwerb von kostenlosen Leistungen im Internet, verdient der Anbieter?

(Riedel nach Anderson)

Auf lange Sicht ist das Anbieten von kostenlosen Diensten Gewinn bringend, denn wenn man sich zwischen einer kostenlosen, kostenpflichtigen, einem anderen Produkt oder gar keiner Version entscheidet, wählt man tendenziell die kostenlose und entscheidet sich womöglich im längerfristigen Gebrauch für eine kostenpflichtige Version mit mehr Features (Vgl. Riedel 2012: 224).
Außerdem hinterlassen wir beim kostenlosen Erwerb von Produkten im Netz ja unsere „Spuren“ und ermöglichen den Anbietern damit trotzdem Gewinn zu machen, bzw. sich zu finanzieren. Diese „Refinanzierungsmittel“ zeigt Anderson anhand seiner „Free-Kategorien“ auf;  der „Direkten Quersubventionierung“, dem „Drei-Parteien Markt“, „Freemium“ und „nicht-monetärer Märkte“.  Ein einfaches Beispiel ist das Schalten von Werbung im Internet, was uns zum Kauf (Tausch von Produkt und Geld) animieren soll (Vgl. Riedel 2012: 221 ff.).
Digitale Leistungen werden aufgrund des schnellen Fortschrittes in der Technologie und des damit verbundenen Preisabfalls immer günstiger (Vgl. Riedel 2012: 226 f.).
Es hat sich gezeigt, dass beide Formen (kostenlos, sowie kostenpflichtig) rentabel sind und nebeneinander her bestehen können (Riedel 2012: 228).
Den Geldumlauf 100%ig nachzuvollziehen, ist schwer. Nach Andersons Berechnung aber ergibt sich, „dass die Wirtschaftsleistung, die mit kostenlosen Angeboten erzielt wird, dem Bruttoinlandsproduktes eines ganzen Landes entspräche“(Riedel 2012: 229).
Ein Grund für das Anbieten kostenloser Dienste, dem besonderer Bedeutung zukommt, ist das Bestehen im unaufhörlichen Wettbewerb und der Wunsch nach Namhaftigkeit durch eine besonders hohe Anzahl von Klicks (Riedel 2012: 229 f.).

Anderson stellt folgende Regeln für das Anbieten von kostenlosen Produkte von Unternehmen auf:
Kernsätze Anderson

Quelle:
Riedel, Anna (2012): Kapitel 17 Free (Chris Anderson),in: Social Media Handbuch, Hrsg. Michelis, Daniel; Schidhauer, Thomas; Baden Baden: Nomos

Die Psychologie in der Angebotswelt

Anna Riedel geht in Ihrem kurzen Abschnitt zu „Free und die Psychologie“ komprimiert auf die Aspekte ein, die Chris Anderson in seinem Buch Free – the future of a radical price zu psychologischen Aspekten ins Feld führt, die bei kostenlosen Produkten zu beachten sind.

Im Großen und Ganzen ist der Zusammenhang von Produktangebot und -nachfrage immer in Relation zum Wettbewerbsmarkt zu sehen und damit in Relation zu seinem jeweiligen ‚Zustand’. So besagt Riedel, dass auf Märkten, die sich aus kostenlosen Produkten zusammensetzen oder diese ausschließlich anbieten, die einzige Form zu überleben für anbietende Unternehmen darin besteht, diesem Geschäftsmodell zu folgen. Bereits geringe Preise würden ein Standhalten auf solch einem Markt nicht zulassen. Demnach haben Anbieter von Gratisangeboten die besten Chancen sich durchzusetzen, wenn sie alleinig in einer Branche anbieten oder zumindest in diesem Sektor wenig Konkurrenz besteht.

Aus Sicht der Kunden ist zu beachten, dass kostenlose Produkte oder Angebote einen persönlichen Schutz im Sinne einer Risikominimierung bieten. Der Kunde muss für die angebotene Ware nicht bezahlen, macht also im Zweifelsfall weder Verlust noch Gewinn und kann demnach nicht erfüllte Erwartungen an das Produkt einfach hinnehmen ohne weitere Konsequenzen. Der zentrale Punkt an dieser Stelle kristallisiert sich jedoch heraus, wenn ein Kunde positiv von einem kostenfreien Produkt überrascht wird. So erhält er einerseits beispielsweise eine kostenlose Ware, kann diese (für ihn persönlich) gewinnbringend verwenden und erhält ein positives Bild von dem jeweiligen Anbieter. Riedel schreibt dazu, ein Anbieter könne diese optimistische Wahrnehmung zu seinem eigenen Vorteil nutzen, indem etwa der besagte Kunde zu einem längerfristigen, treuen Kunden wird, der auch Waren wirklich kauft oder konsumiert.

Darüber hinaus wir bei kostenfreien Angeboten die psychologische Barriere überwunden, den Preis und den Nutzen abzuwägen, oder sogar mit anderen Anbietern zu vergleichen, sodass es dem Kunden leichter gemacht wird, sich für ein Free-Produkt zu entscheiden.

Als Praxistipp wird allerdings der Umsichtige Umgang mit kostenlosen Angeboten empfohlen, da dem Wandel eines Produktes vom kostenpflichtigen in ein Gratis-Produkt, ein geringeres Qualitätsmerkmal zugeschrieben werden könnte. Dieses Risiko wird einleuchtend anhand des Verlagsgeschäftes geschildert: Sollte ein Printmedium die Entscheidung treffen, sich weitestgehend über Werbemittel zu finanzieren und sich dann kostenlos präsentieren könnte dies folglich Veränderungen bei der Einschätzung des Mediums bei den Werbenden hervorrufen. Genauer gesagt, kann dann nicht mehr ermessen werden, welchen Wert und in welchem Maße die Leser diesem Medium zuschreiben. Eine Geldinvestition und damit die Bereitschaft, etwas für ein Medium zu leisten, würde ein Interesse oder Wunsch nach diesem Medium widerspiegeln – „Für diese Erkenntnis bezahlt der Werbetreibende bis zu fünf mal so viel, als für Gratismagazine, die möglicherweise wie Werbeprospekte wahrgenommen werden“ (Riedel 2012: 225).

Dem entgegen stehen Medien, wie bestimmte Wirtschaftsmagazine oder insbesondere Printmedien, die speziellen Interessenslagen zuzuschreiben sind. Hier verhält es sich entgegengesetzt, da diese teilweise kostenlos angeboten werden – durch Werbezwecke oder gesonderte Auflagen – da zu erwarten sei, dass die potentiellen Interessenten solch Medien später auch konsumieren und dafür bezahlen.

Diese Ausführungen können bereits zeigen, welch individuellen Abwägungen Angebot, Nachfrage und auch Finanzierungsbereitschaft unterliegen. Hinzu kommt ein sehr aktuelles und immer noch modernes Phänomen: kostenlose Angebote oder auch Vergünstigen werden mit weniger Aufmerksamkeit belohnt. Dazu schreibt Riedel: „Produkte werden konsumiert, weil sie da sind und nicht weil sie ernsthaft gebraucht werden“ (Riedel 2012: 226). Dieses Beispiel ist besonders einleuchtend, bezogen auf unsere heutige Konsumwelt. Überall Werbeanzeigen, überall Werbeflyer, Rabattangebote oder -coupons, Vergünstigungen oder gar Gewinnchancen. Sicherlich stecken in vielen von solchen Angeboten bereits einkalkulierte Preise dahinter, allerdings geht es auch darum, dass es mittlerweile solch eine Fülle an kostenlosen Angeboten gibt, die der Einzelne gar nicht mehr wahrnehmen oder verarbeiten kann.

 

Riedel, Anna. 2012. Kapitel 17 Free (Chris Anderson). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, S. 219-233. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag.

Lawrence Lessig lässt hoffen…

         …CC- Ein Entwurf für die Zukunft

 

 

Wir alle sehen uns im Laufe unserer Tage mit Problemen und Hindernissen konfrontiert. Diese bedürfen einer Lösung, da sie uns andernfalls in unserer Entwickelung behindern.
Lawrence Lessig, Professor und angesehener Verfassungsrechtler ist auf ein solches Problem gestoßen. Er beobachtet eine drohende Gefahr für unser zukünftiges Allgemeingut, ausgehend vom derzeitigen Urheberrecht.         Dieses “ verhindert die Innovationen, die das Internet in seiner ursprünglichen Form geschaffen hat […]. „(1) Betrachtet man die Tatsache, dass wir uns inmitten des digitalen Zeitalters befinden und unsere Rolle im Internet, sich vom reinen Konsumenten zum Prosumenten entwickelt hat, muss man Lessing und seine Bedenken sehr Ernst nehmen. Ebenso seine Zweifel an der Freiheit der Gesellschaft, denn diese kann nur existieren wenn es eine Balance zwischen Eigentum und Kontrolle gibt. Das heutige Urheberrecht schafft ein Ungleichgewicht und schränkt dadurch unsere Kreativität, unsere Möglichkeiten und damit unsere Freiheit ein. Es behindert uns an unserer Entwickelung.Lessig versucht dem entgegen zu steuern und ruft mit Hilfe Gleichdenkender die CreativeCommons ins Leben. Sie sollen „keinen Angriff auf das Copyright darstellen“ sondern vielmehr eine Alternative (2). Eine Alternative, die  jedem „Schöpfer“ das Recht eingesteht vollkommen individuell und frei darüber zu bestimmen, welche Nutzungsrechte an seiner „Schöpfung“, er der Öffentlichkeit einräumen möchte. Ähnliches war zwar schon vor CreativeCommons möglich, jedoch nur durch ein juristisches Papier welches genau formulierte Nutzungsrechte enthält.Meist verbunden mit Anwaltskosten. Ein System, völlig ungeeignet für uns „Sharer“, „Liker“ , „Laien“ und „User“
CreativeCommons bieten eine praktikablere, dem Internet angepasste Lösung. Aus sechs verschiedenen und vorgefertigten Lizenzverträgen, kann „Schöpfer“ frei wählen und auf diese Weise über die rechtlichen Bedingungen zur Verbreitung seiner Schöpferischen Arbeit selbst bestimmen.(3)
Lessigs hat auf ein Problem eine Antwort gefunden, die zukunftsweisend ist! Keine Frage, CreativeCommons müssen weiterentwickelt und überdacht werden um sie von ihren „Kinderkrankheiten“ zu befreien. Als Beispiel sei hier das „Bastard-Problem“ genannt. Dieses Problem tritt auf, weil man ein neues, jedoch verändertes Werk unter derselben Lizenz wie das original Werk veröffentlichen muss. Eine Verknüpfung von verschiedenen Werken mit verschiedenen Lizenzen kann am Ende ein falsch lizenziertes Ergebnis ergeben (4).
Lawrence Lessig bringt überdies einen Missstand zum Vorschein: Viele unserer Gesetzte sind veraltet und können die Schwierigkeiten  und Anforderungen des digitalen Zeitalters nicht abfangen. Was uns damals schützen sollte, beraubt uns heute unserer Allgemeingüter und unserer Freiheit.
Und wie sagte Friedrich Schiller doch mal : „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“

 

Quellen:

1: Funke,Stefanie. 2012. Kapitel 11 The Future Of Ideas (Lawrence Lessig). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, 149–161. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verl. S.150

2: Ebd. S.159

3: Creative Commons.de. Was ist CC?.http://de.creativecommons.org/was-ist-cc/. Zugriff: 26.06.2014 17:27 Uhr

4: Wikipedia.de.Creative Commons,Kritik und Probleme.http://de.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons. Zugriff: 26.06.2014 18:14 Uhr

Lessig und das Urheberrecht

Was ist nach Lessig so falsch am gegenwärtigem Urheberrecht? 

Das Urheberrecht stammt aus einer analogen Zeit, in der die heutigen technologischen Fortschritte und die daraus folgenden Entwicklungen undenkbar waren, deshalb müsse nach Lawrence Lessig (Rechtswissenschaftler aus den USA) das gegenwärtige Urheberrecht an jene Entwicklungen angepasst werden. 

Zwar wurde das deutsche Urheberrecht in den 90er Jahren des 20 Jahrhunderts zugunsten der technologischen Möglichkeiten in einzelnen Punkten verändert, z.B. dass eine Mindestschutzdauer von 50 Jahren über den Tod des Urhebers hinaus geht. Allerdings ist in den USA eine Schutzdauer von bis zu 150 Jahren möglich. Solche Zahlen machen für Lessig in einem effektivem Urheberrecht keinen Sinn. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Urheberrechts#21._Jahrhundert). 

Viele Unternehmen oder Industrien nutzen das Urheberrecht nicht um innovative Entwicklungen zu fördern, sondern zielen auf eine wirtschaftliche Gewinnmaximierung. Nach Lessig birgt das aktuelle Urheberrecht demnach die Gefahr einer absoluten Kontrolle. Das heißt, dass der Einzelne keine Möglichkeiten hat, sich einzubringen und der Fortschritt, wenn er dann existiert, einzig und allein in den Händen der Unternehmen liegt. Nach Lessig sei ein rasanter und effektiver Fortschritt aber nur möglich, wenn eine Balance zwischen dem allgemeinen und dem privatem Gut herrscht (vgl. Funke: S. 153).

Lessig sieht das Urheberrecht nicht als etwas überflüssiges, sondern es müsse nur dem heutigen Zeitalter angepasst werden. „Ohne Zweifel sollte ein urheberrechtlicher Schutz gegeben sein, ansonsten hätten Künstler, Autoren oder Softwareentwickler kaum einen Anreiz, zum Teil Jahre in die Entwicklung zu investieren“ (Funke: S.155)  

Die Frage ist dann nur, in welchem Maße die Werke von den jeweiligen Künstlern, Autoren oder Entwicklern geschützt werden müssen bzw. sollen?

Lessig schlägt einige Veränderungen dafür vor. Eine wesentlich bessere Alternative nach Lessig wäre ein Recht, welches fünf Jahre gilt und maximal 15 mal verlängert werden darf. Somit wären 75 Jahre Zeit für Unternehmen oder Künstler ihre Werke allein zu verwerten und gleichzeitig genug Zeit um Anreize für innovative Tätigkeiten zu setzen (vgl. 158). 

Der US-Amerikaner Lessig bezieht sich bei seinen Lösungsansätzen hauptsächlich auf das amerikanische Urheberrecht, welches noch wesentlich strenger als das deutsche ist. Allerdings sollten sich seine Vorschläge auf das Urheberrecht im Allgemeinen anwenden lassen können (vgl. Funke: S. 159).

So hat er zusammen mit anderen Kritikern des gegenwärtigen Copyrights, die CreativeCommons-Initiative gegründet. Diese bietet den Urhebern die Möglichkeit selber zu entscheiden, in welchem Maße ihre Werke verbreitet und wiederverwendet werden dürfen. Dies soll ein Ansatz zur Erhaltung und Förderung von Commons, also dem Allgemeingut geben. Dass diese Initiative Wurzeln schlägt, kann man an dem Beispiel Wikipedia sehen, welches ihre Texte bereits unter der CreativeCommons Lizenz veröffentlicht.

Funke, Stefanie. 2012. Kapitel 11 The Future Of Ideas (Lawrence Lessig). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, 149–161. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verl. 

Wikipedia. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Urheberrechts#21._Jahrhundert. Stand: 18.06.2014 (zugegriffen am 26.06.14) 

 

Freenomics und die bunte Gratiswelt

ProGRATISationsProtokoll

[zum Lesen bitte anklicken]

Quellen:

Anna Riedel, 2012, Kapitel 17 Free (Chris Anderson), In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hrsg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, S.219-233, 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag.

Chris Anderson, 2009, Free: The Future of a Radical Price, 1. Auflg., Hyperion Books, New York.

Springer Gabler | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Prof. Dr. Dirk Piekenbrock und Prof. Dr. Daniel Markgraf, Version 6, Komplementärgut, http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/56949/komplementaergut-v6.html (letzter Zugriff: 23.06.2014).

Bildquellen (Zugriff: 25.06.2014):

1 http://www.payback.de/pb/id/386282/

2 http://www.lieferheld.de/

3 http://kleinanzeigen.ebay.de/anzeigen/stadt/berlin/

4 http://www.zalando.de/

5 http://www.payback.de/pb/cfgName/punkte_einloesen_nav_cat/id/650620/?s_ixcid=20_000_000

6 http://www.agapetouch.net/2/archives/05-2013/1.html

Creative Commons – Die Lizenzen der Zukunft?

Der Verfassungsrechtler und Spezialist für Urheberrechtsfragen, Lawrence Lessig, warnt davor, dass das bestehende Urheberrecht den Fluss von kreativen Innovationen im Netz behindert. Das Allgemeingut („commons“) würde so zunehmend verschwinden. Innovationen würden verloren gehen und stattdessen Platz für unternehmerisches Profitdenken machen. Die im Internet ablaufenden Strukturen und Prozesse würden Grund zur Annahme bieten, dass das aktuelle Urheberrecht den Anforderungen der heutigen Zeit nicht mehr gerecht wird. Dies sei vor allem der Fall, weil das Copyright sich zunehmend zu einem „Rechteverwerterecht“ entwickelt, der den geistigen Fortschritt behindere und einer ganzen Generation ihre freien Möglichkeiten raube.1

 Einer der Hauptunterschiede des Internets gegenüber den traditionellen Massenmedien ist die Möglichkeit zur schnellen und einfachen Teilhabe. Durch die Teilhabe einer breiten Masse von Individuen, birgt das Internet das Potential für kreative Kooperation. Da das „Publikum“ im Internet nicht mehr nur passiv ist, sondern selbst Inhalte produziert, kann das Internet gewissermaßen als ein Raum betrachtet werden, in dem „Schöpfer“ und „Konsument“ eins werden. In seinem Buch „The Penguin and the Leviathan“ geht Yochai Benkler auf das enorme Potential dieser Partizipations- und Kooperationsmöglichkeiten ein. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass diese neuen Möglichkeiten eine Reihe von Problemen aufwerfen, indem sie mit traditionell bestehenden Systemstrukturen (wie dem Urheberrecht) kollidieren: „Understanding how to value what people create and share online has been one of the biggest challenges for businesses in the last decade.“2

In „The Wealth of Networks“ bezeichnet Benkler den Produktions- und Verbreitungsprozess von Inhalten im Netz als „Peer Production“. Die Besonderheit der „Peer Production“ ist, dass ihre Struktur freiwillig und dezentralisiert ist, anstatt hierarchisch geordnet. Zudem sei sie charakterisiert durch eine ständige Weiterentwicklung durch verschiedenste Nutzer. Kollaborative Projekte wie Open Source funktionieren sehr erfolgreich nach diesem Prinzip: Jeder kann sein Wissen und Können in einem bestimmten Bereich einbringen und so ein gemeinsames Projekt schaffen. „Die Weisheit der Vielen“ kann hier dazu beitragen, dass dabei praktikablere, schnellere und effektivere Lösungen entstehen als im Alleingang. Wenn jedes Mitglied der Open Source Gemeinschaft auf seinem Urheberrecht bestehen würde, könnten die geschriebenen Codes nicht verbessert, ergänzt oder für neue Projekte genutzt werden. In diesem Sinne stellt das Urheberrecht tatsächlich eine Behinderung von Innovationen dar.

Eine Lösung dieses Problems könnten nach Lessig „Creative Commons“ sein. Dabei können die Urheber selbst bestimmen, wie ihre Werke in Zukunft genutzt werden. Dadurch soll ein größerer Raum für Kreativität geschaffen werden – auch indem Kreative die Werke anderer benutzen können.3 Ich halte diesen Ansatz für sehr berechtigt, denn das bestehende Urheberrechtssystem und das Internet sind in ihrer Struktur vollkommen unterschiedlich – folglich sind Konflikte und Freiheitsbeschneidungen unvermeidlich. Es ist tatsächlich an der Zeit, bestehende Systeme an neue Strukturen anzupassen um eine freie Entwicklung und Verbreitung von Technologien, Wissen, Kunst und Kultur nicht zu behindern. Zudem würden Creative Commons das bestehende Urheberrecht nicht völlig auf den Kopf stellen, sondern lediglich dessen Rigidität vermindern.

1Funke, Stefanie: „Kapitel 11 The Future Of Ideas (Lawrence Lessig).“In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, 149–161. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verl. 2012, S. 129, 157

2Benkler, Yochai: The Penguin and the Leviathan. The Triumph of Cooperation over Self-Interest:“ Crown Business, New York, 2011, S. 153

3Funke, 2012, S. 159

 

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Wie finanziert man eigentlich „kostenlos“?

Kostenlos-ist-nicht-umsonst

Verfügbar auf: http://www.mindstylistin.de/so-nutzen-sie-das-prinzip-kostenlos-fuer-ihr-business/ (letzter Zugriff: 26.06.2014)

 

Kostenlose Programme und Inhalte im Internet finden überall großen Anklang. Gerade wenn das Geld knapp, der Anschaffungspreis exorbitant teuer, oder der Bedarf nur sehr kurzfristig ist, drückt man sich sehr gerne vor großen Ausgaben und nimmt jedes kostenfreie Angebot dankend in Anspruch. Das Internet macht es möglich, weil die Grenzkosten hier bei vielen Angeboten gegen O gehen (1). Ein selten bedachter Fakt ist jedoch, dass hinter all diesen Inhalten arbeitende Menschen stehen. Von diesen können  es sich  wohl nur die allerwenigsten leisten, ihre Arbeitszeiten nicht in irgendeiner Form vergüten zu lassen.  Das Dilemma: Wie bringt man kostenlose Angebote auf der einen und eine angemessene Vergütung für Kreierende auf der anderen Seite optimal zusammen?

 

Der Autor und Chefredakteur Chris Anderson,  ein großer Unterstützer der Bereitstellung kostenloser Inhalte, beschäftigt sich in seinem Text mit 4 möglichen Kanälen der Refinanzierung: Direkte Quersubventionierung, Drei Parteien Markt, Freemium und nicht-monetäre Märkte.

Bei der Direkten Quersubventionierung, sollen potentielle Käufer_innen durch kostenlose Proben, oder Geschenke dazu bewogen werden, kostenpflichtige desselben Anbieters in Anspruch zu nehmen (2). Diese Methode bezeichnet man in der Betriebswirtschaftslehre auch als Köder-Haken Modell (3). Ein schönes Beispiel für diese Refinanzierungsart sind die kleinen Proben, die einem in der Parfümerie des Vertrauens gerne mitgegeben werden. Kreierende werden in diesem Modell weiterhin vom Arbeitgeber_in bezahlt, allerdings ist auch nur ein sehr kleiner Teil des Produktes völlig kostenlos verfügbar und dieses auch nur zum Zweck der Kundenbindung.

Beim Drei-Parteien- Markt wird die Finanzierung eines Angebotes durch eine dritte Partei sichergestellt, die im Gegenzug im Rahmen des Angebotes beworben wird (2).  Ein gutes Beispiel hierfür sind die vielen netten Werbeanzeigen, die uns im Wochenblatt unseres Vertrauens, oder bei der google Suche begegnen. Auch in diesem Modell werden kreierende „klassisch“ vergütet, lediglich der Geldgeber wechselt. Allerdings ist dieses Modell für die Gesellschaft vorteilhafter, weil umfangreichere Inhalte kostenlos zur Verfügung gestellt werden können.

Das Freemium Modell, ein Ableger der direkten Quersubventionierung lockt Interessenten mit einem kostenfreien Angebot und erhebt Kosten erst für ein Upgrade zur Premium-Version mit zusätzlichen und weiterführenden Nutzungsrechten (2). Gute und viel genutzte Beispiele für dieses Modell ist neben Skype auch Dropbox. Kreierende werden hier weiterhin von ihrem Arbeitgeber vergütet, der kostenlos bereitgestellte Teil ihrer Arbeit, soll nämlich lediglich zur Kundenaquise und – bindung dienen.

Das von Anderson benannte, vierte Modell der Refinanzierung sind nicht-monetäre Märkte. In nicht-monetären Märkten, wird die Arbeitsleistung der Kreierenden finanziell nicht vergütet. Teilnehmende beteiligen sich aus anderen Motiven, wie „(…) beispielsweise Aufmerksamkeit, Genugtuung, oder Spaß (..)“. Auch purer Eigennutz ist laut Anderson ein häufiges Motiv (2) . Ein häufig genanntes Beispiel für ein Projekt im nicht-monetären Markt ist Wikipedia. Hier schließen sich Einzelpersonen zusammen, um Inhalte festzuhalten, zu sammeln, zu produzieren und das völlig ohne finanziellen Anreiz. Diese Form der Selbstlosigkeit ist jedoch nur möglich, wenn der normale Broterwerb gesichert ist. Kreierende, die für die Bewältigung eines Projektes mehrere Wochen, bis hin zu Monaten brauchen, stehen hier vor der Frage, wie ihre monatlichen Kosten getragen werden sollen.

Auch der Harvard Professor und Autor Yochai Benkler ist ein  großer Unterstützer des Free-Modells, welches seiner Meinung nach die Zukunft der Produktion von Inhalten im World Wide Web darstellen wird. Die Motivation für die Beteiligung an Projekten sieht er, ähnlich wie Anderson in emotional-psychologischen Motiven begründet. Bezüglich der  Entlohnung der Kreativen setzt er auf Crowdfunding(4). Die Idee ist simpel aber effektiv: Menschen mit einer guten Idee  stellen ihre Idee auf einem entsprechenden Portal  der Online- Community vor und werden dann – bestenfalls – von vielen Einzelpersonen mit Spenden unterstützt . Durch diesen Mechanismus gehen die Kreierenden nicht leer aus und zudem werden auch nur jene Ideen umgesetzt beziehungsweise unterstützt, die bei einer größeren Gruppe  großen Anklang finden (5). Crowdfunding  Dennoch sollte man bedenken, dass durch Crowdfunding bisher nur eine (an der Gesamtmenge gemessen) vergleichsweise kleine Anzahl von Projekten finanziert wurde. Wenn unsere Zukunft von einer neuen Ära des freien Konsumierens geprägt werden soll, gilt es hier mehr Menschen und Gesellschaftsschichten zu mobilisieren.

Nehmen wir Andersons´ und Benklers´ Modelle zusammen, so eröffnen sich fünf Formen der Refinanzierung freier Angebote. Allerdings ist hier zu unterscheiden zwischen freien-Angeboten, die lediglich auf die Gewinnung von neuen Kunden und damit verbundene Gewinne abzielen und solchen, die mit ihren völlig kostenlosen Angeboten einen gesellschaftlichen Mehrwert ohne monetäre Anreize darstellen. Bei Ersteren gestaltet sich die Finanzierung (teilweise) freier Angebote, noch sehr einfach, da die zu erwartenden Einnahmen die Ausgaben schnell wieder ausgleichen. Projekte, bei denen mit wenig, oder sogar keinen Gewinnen zu rechnen ist, fallen jedoch schnell aus dem Raster. Bei nicht-monetär motivierten Projekten bleiben dafür jedoch nur Optionen wie Crowdfunding, oder die Teilnahme einer großen Menge an Einzelpersonen (die alle ein paar Stunden neben ihrem normalen Job investieren) zur Finanzierung übrig. Besonders Yochai Benkler weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass gerade jene Projekte,  wie beispielsweise  freier Journalismus, einen gewaltigen sozialen Mehrwert darstellen (4). Abschließend gilt es also weiterhin gut zu überdenken, wie wir jene entlohnen möchten, die ihre ganze Arbeitskraft gesellschaftlich relevanten Inhalten widmen.

 

Quellen:

Quellen:

(1)    Schmaltz, Tilo. 2012. Kapitel 13 Vernetzte Informationsgesellschaft (Yochai Benkler). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, 174–181. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verl.

(2)    Anna Riedel, 2012, Kapitel 17 Free (Chris Anderson), In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hrsg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, S.219-233, 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag.

 

Lessigs Kritik am Urheberrecht

Nach der Theorie von Lessig verhindert das Urheberrecht „die Innovationen, die das Internet in seiner ursprünglichen Formgeschaffen hat“ (S. 150). Damit meint er, dass die Entwicklung des Internets zu einem gewissen Grad auf gemeinschaftlichen Gütern basiert (commons), welche die Innovationen und das ständige Vorantreiben jeglicher Online Communities ermöglicht, wie zum Beispiel Open Source Software.

Schon das Verbreiten eines Bildes, welches nicht von einem selbst stammt – zum Beispiel auf Social Media Plattformen und/oder Online Tauschbörsen – gilt dabei als Verletzung des Urheberechts, selbst wenn mit dieser Verbreitung kein eigener Profit erzielt wird. Mehr noch, Lessig bezeichnet fast alle Arbeitsvorgänge, die eine Form kreativen Schaffens darstellen, als dem Urheberrecht unterliegend. So weit, dass dadurch jegliche Entwicklung, sowie kreative Ausschöpfung gehindert werden.

Auch in der Politik ein viel diskutiertes Thema. Geht es doch nicht darum, den Künstlern ihre Einkünfte oder sogar ihre Kreationen streitig zu machen, sondern vielmehr darum, gewisse Grenzen zu setzen, um dem Allgemeinwohl einen Spielraum der Nutzung und Verbreitung zu lassen.

Sollte sich ein Künstler nicht im Klaren darüber sein, dass die eigens erschaffenen Inhalte, sobald sie auf Plattformen wie Google o.ä. veröffentlicht sind, auch – unentgeltlich – von der Community genutzt werden sollten, können, dürfen?!?
Nicht um eigenen Profit daraus zu schlagen, sondern möglicherweise einfach aus Freude am kreativen Gut.

Quellen:

• Funke, Stefanie. 2012. Kapitel 11 The Future Of Ideas (Lawrence Lessig). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, 149–161. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verl.

• http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/warum-urheberrecht-und-internet-nicht-zusammenpassen-a-828246.html: „Urheberrecht im Internet: Lieber frei als gerecht“, von Michael Seemann 21.04.2014. Aufgerufen am 25.06.2014.

Phänomen Coworking: (Noch) Trend oder (schon) soziale Bewegung?

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Entnommen von: http://www.deskmag.com/de/die-ersten-ergebnisse-der-zweiten-coworking-befragung-171 (letzter Zugriff am 13.06.2012)

Der englische Begriff Cowoking  bedeutet zu Deutsch gemeinsam arbeiten und bezeichnet damit eine neue Form des Arbeitsplatzes und der Arbeitsorganisation (1). Die Idee des Arbeitens in einem Coworking Space findet  großen Anklang: Weltweit gibt es laut einer Erhebung von Deskwanted.com aus dem Jahr 2013 2500 Coworking Spaces in über 80 Ländern. Davon befinden sich in Europa 1160,  in Deutschland 222 und in Berlin ganze 68 Orte des gemeinsamen Arbeitens. Tendenz steigend (2).

Coworking liegt somit klar im Trend und ist Teil der Sharing Economy, die bereits  große Teile der Gesellschaft erfasst hat.  Doch ist zu erwarten, dass dieser Trend in eine soziale Bewegung mündet? Ist er das vielleicht bereits?

Um diese Frage zu klären, sollte der Begriff der sozialen Bewegung zunächst genauer definiert werden. Über eine allgemeingültige Definition des Begriffes wird in der Soziologie jedoch noch immer heftig diskutiert. Übereinstimmung findet sich jedoch in der Verwendung des Begriffes zur Bezeichnung von Strömungen und Gruppierungen  gesellschaftlichen Ursprungs, die mithilfe von gemeinsamer Willensbildung, Kommunikation und Protest  nach  zielgerichteten Veränderungen  im politischen und öffentlichen Raum streben (3). Große soziale Bewegungen der letzten Jahr(zehnt)e sind beispielsweise die Friedensbewegung, die Umweltbewegung , oder die Antikernkraftbewegung (4).

Die These, dass es sich bei Coworking um eine soziale Bewegung würde der Umstand unterstützen, dass das Phänomen zwei  von insgesamt 11 weltweiten Megatrends unterstützt: Konnektivität und Neues Arbeiten.  Das Leben und Arbeiten aller Menschen ist zum einen zunehmend in Netzwerken organisiert und von diesen geprägt. Zum anderen ergeben sich daraus  innovative Entwicklungen und  Formen des Arbeitsmarkts und Arbeitsalltages: Neue, flexible und dezentrale Arbeitsräume (wie zum Beispiel Coworking Spaces) werden geschaffen, Menschen arbeiten an häufig wechselnden Orten und arbeiten zunehmend selbstständig (5). Auch dem Bericht des DIW aus dem Juli 2013zufolge ist die Anzahl der Selbstständig Arbeitenden in Deutschland in den letzten Jahren stetig angestiegen. Hinzu kommt der Umstand, dass viele Selbstständige nur über ein vergleichsweise geringes Einkommen verfügen. Es gilt also einen möglichst preisgünstigen Arbeitsraum zu schaffen. Viele Selbstständige arbeiten deshalb im eigenen Zuhause, was sich auf Dauer aber als nicht so effektiv, einsam, oder aus anderen Gründen als schwierig erweisen kann. Coworking Spaces bieten hier eine günstige, schnelle und flexible Alternative, was viele ehemals Zu-Hause-Arbeitenden dazu bewegt, das Angebot zu nutzen (6).  

Dennoch gibt es auch Argumente gegen die Bezeichnung des Coworking als soziale Bewegung. Während Berlin seit Jahren als eine der Hochburgen der Coworking Spaces gilt, mussten Ableger des Betahauses in Köln und Hamburg bereits wegen mangelnder Nachfrage geschlossen werden, beziehungsweise Insolvenz anmelden.  Dass das Konzept in Berlin funktioniert, sich in Hamburg und Köln jedoch nicht durchsetzen konnte, lässt sich laut Alex Hoffmann, einem Autor des Onlinemagazines Gründerszene, nicht einzig auf teurere Immobilienpreise, oder eine größere Attraktivität des Standorts Berlin für internationale Firmen zurückführen. Es fehle in anderen deutschen Großstädte vielmehr an der so ausschlaggebenden kritischen Masse, die für die flächendeckende Verbreitung eines Konzeptes ausschlaggebend ist (7). Zudem ist es auffallend, dass sich Coworking Spaces in Deutschland fast ausschließlich in großen Städten befinden. Nach neuen Arbeitsräumen in ländlichen Regionen sucht man auf google maps vergebens. Coworking ist zusammenfassend ein Phänomen des urbanen Raumes, kann sich aber auch dort nicht überall durchsetzen.

Abschließend ist es meiner persönlichen Meinung nach sehr schwierig zu bewerten, ob es sich bei Coworking (schon) um eine soziale Bewegung handelt. Der Trend zu neuen Arbeitsformen- und orten, hat Europa und speziell Deutschland und Berlin in jedem Fall bereits erfasst, jedoch bisher lediglich teilweise durchdrungen. Für den Status einer sozialen Bewegung fehlt dem Coworking meiner Meinung nach bisher, die flächendeckende Verbreitung und Akzeptanz, die neusten gesellschaftlichen Entwicklungen und weltweiten Megatrends legen jedoch nahe, dass aus dem Trend in einigen Jahren eine soziale Bewegung werden könnte.

 

Quellen:

(1)  Bonte, A. (2011): Simulierendes Umfeld für wissenschaftlichen Austausch und Gründerideen. In: BIS – Das Magazin der Bibliotheken Sachsen. Nr.1. S.6-8.

 

(2)  Foertsch, C. (2012): 1800 Coworking Spaces weltweit. In: Deskmag. http://www.deskmag.com/de/1800-coworking-spaces-weltweit-165-in-deutschland-statistik-534. (letzter Zugriff am 13.06.14).

 

(3)  Ahlemeyer, H. W. (1989): Was ist eine soziale Bewegung? Zur Distinktion und Einheit eines sozialen Phänomens. In: Zeitschrift für Soziologie. Jg.18. Nr.3. S.175-191

 

(4)  Horx, M. (2012): Megatrends – Die großen Treiber der Gesellschaft. Auf: Zukunfts institut. http://www.zukunftsinstitut.de/megatrends. (letzter Zugriff am 13.06.2014).

 

(5)  Brenke, K. (2013): Allein tätige Selbstständige: starkes Berufswachstum, oft nur geringe Einkommen. In: DIW Wochenbericht. Nr.7. S.3-15.

 

(6)  Foertsch, C. (2012): Supporting Coworking´s growth: The story of Deskmag & Deskwanted. In: Deskmag´s second annual  global coworking survey. S.1-21.

 

(7)  Hoffmann, A. (2013): Coworking braucht eine kritische Masse. Auf: Gründerszene. http://www.gruenderszene.de/allgemein/betahaus-kritische-masse. (letzter Zugriff 12.06.2014).

 

Coworking – soziale Bewegung oder adaptive Antwort auf neue marktwirtschaftliche Herausforderungen?

Wissenschaftlerinnen verschiedenster Fachrichtungen sind sich in ihren Gegenwartsdiagnosen weitgehend einig: Die technischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte sind Auslöser, oder zumindest Teil eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses welcher neue Anforderungen an die Individuen stellt. So spricht etwa der Soziologe Hartmut Rosa von einer beschleunigten Gesellschaft welche einerseits „Drifter“ und andererseits „Surfer“ hervorbringe, die entweder den neu aufkommenden Herausforderungen nicht gewachsen sind, oder sich den Umständen ihrer Umwelt erfolgreich anzupassen wissen (1). Das Coworker in der Regel den Letzteren angehören liegt auf der Hand.

Laut Janet Merkel und Maria Oppen lassen sich Coworker vornehmlich zu den „neuen selbstständigen“(2) zählen, denn sie „unterscheiden sich von herkömmlichen Unternehmensgründerinnen durch überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse, schließen mehr Frauen und Migranten ein, entwickeln neue Tätigkeitsprofile und Geschäftsideen“(3). Der Recherchearbeit Merkel und Oppens zufolge können „Autonomie und Unabhängigkeit […] als Leitmotive der kreativ und selbstständig Arbeitenden angesehen werden“(4).

Der hohe Zuwachs an Freelancern und Mikrounternehmen ließe sich darüber hinaus durch Manuel Castells Zeitdiagnose erklären, welcher in den technologischen Durchbrüchen des späten 20. Jahrhunderts die Grundlage für eine informationelle Revolution sieht (5).  Durch sie sei zum „ersten Mal in der Geschichte […] der Menschliche Verstand eine unmittelbare Produktivkraft“(6) geworden.

Obwohl sich jedoch die benötigten Produktionsmittel der meisten selbstständigen Kreativwirtschaftlerinnen auf lediglich einen Computer mit Internetanschluss reduzieren lassen, wodurch „sie in aller Regel keinen hohen Finanzierungsbedarf“(7) haben, bringt die Selbstständigkeit zahlreiche Nachteile mit sich: unvermeidbare Finanzierungsengpässe, mangelnder infrastruktureller Zugang, Auftagsschwankungen sowie fehlender Austausch und Kritik durch die (professionsübergreifende) Expertise von Kollegen. (8)

Als Antwort auf diese Erschwernisse mieten sich klassische Selbstständige und Entrepreneurinnen neuerdings vermehrt in Coworking Spaces ein oder gründen diese selbst. Durch das „Nebeneinanderarbeiten“(9) erhoffen sie sich in erster Linie gesteigertes Wohlbefinden am Arbeitsplatz sowie positive Synergieeffekte durch die Möglichkeit zu kollaborativem Austausch in Gemeinschaftsräumlichkeiten, was nicht selten in einer Startupidee mündet (10).

Als „kollektive Bewältigungsstrategie“ den „unerwünschten Nebeneffekten der Entgrenzug von Arbeit (räumlich, sozial, zeitlich) in freiberuflichen und Selbstständigen Erwerbsverhältnissen“ (11) entgegenzuwirken scheint Coworking ein vielversprechendes Modell zu liefern. Die Arbeit in Coworking Spaces kann dabei als Mittel zu unternehmerischem Erfolg „die soziale Produktivität der Coworker fördern“(12), formen alternativen Wirtschaftens bilden oder als Sprungbrett in feste, traditionelle Beschäftigungsverhältnisse dienen.

Insofern lässt sich in meinen Augen Coworking zwar als vielversprechendes Konzept für die „derzeit 3,2 Prozent“(13) an Kultur- und Kreativwirtschaftenden unter allen anderen Erwerbstätigen betrachten um der Entgrenzung von Arbeit entgegenzuwirken. Dies macht Coworking jedoch noch nicht zu einem alternativen Modell für die restlichen 96,8 Prozent der Erwerbstätigen die sich mit der Entfremdung von Arbeit nach Marxscher Auffassung konfrontiert sehen. Als klassische „alte“ soziale Bewegung lässt sich Coworking somit nicht auffassen. Wer Coworking als „neue“ soziale Bewegung bezeichnen möchte: Meinetwegen. Als Einzelbewegung um „die Emanzipation von Frauen“(14) und „selbstverwaltete Lebens- und Arbeitsformen“(15) voranzutreiben ist Coworking sicherlich in gewissem maße dienlich und würde somit wahrscheinlich zumindest mit der Definition einer „neuen“ sozialen Bewegung der Bundeszentrale für Politische Bildung(16) konform gehen.

Quellen:

(1) Horizonte; Expertengespräche des Stifterverbandes: Interview mit Hartmut Rosa, Professor für Soziologie and der Friedrich-Schiller- Universität Jena.

http://vimeo.com/25361102 (zugegriffen am 12.06.2014 um 17:38 Uhr)

(2) Merkel, Oppen: Coworking Spaces: „Die (Re-) Organisation kreativer Arbeit.“ WZBrief Arbeit (S. 3), 16.06.2013.

(3) ebd.

(4) ebd.

(5) Castells, Manuel: Das Informationszeitalter, Teil 1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Leske und Budrich Opladen 2010 (vgl. S. 34).

(6) ebd.

(7) Merkel, Oppen: Coworking Spaces: „Die (Re-) Organisation kreativer Arbeit.“ WZBrief Arbeit (S. 3), 16.06.2013.

(8) vgl. ebd.

(9) Merkel, Oppen: Coworking Spaces: „Die (Re-) Organisation kreativer Arbeit.“ WZBrief Arbeit (S. 4), 16.06.2013.

(10) vgl. ebd.

(11) ebd. S. 6

(12) ebd.

(13) ebd. S. 2

(14) Bundeszentrale für Politische Bildung

http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/40336/neue-soziale-bewegungen?p=0 (zugegriffen am 12.06.2014 um 22:48)

(15) ebd.

(16) vgl. ebd.