Die Psychologie in der Angebotswelt

Anna Riedel geht in Ihrem kurzen Abschnitt zu „Free und die Psychologie“ komprimiert auf die Aspekte ein, die Chris Anderson in seinem Buch Free – the future of a radical price zu psychologischen Aspekten ins Feld führt, die bei kostenlosen Produkten zu beachten sind.

Im Großen und Ganzen ist der Zusammenhang von Produktangebot und -nachfrage immer in Relation zum Wettbewerbsmarkt zu sehen und damit in Relation zu seinem jeweiligen ‚Zustand’. So besagt Riedel, dass auf Märkten, die sich aus kostenlosen Produkten zusammensetzen oder diese ausschließlich anbieten, die einzige Form zu überleben für anbietende Unternehmen darin besteht, diesem Geschäftsmodell zu folgen. Bereits geringe Preise würden ein Standhalten auf solch einem Markt nicht zulassen. Demnach haben Anbieter von Gratisangeboten die besten Chancen sich durchzusetzen, wenn sie alleinig in einer Branche anbieten oder zumindest in diesem Sektor wenig Konkurrenz besteht.

Aus Sicht der Kunden ist zu beachten, dass kostenlose Produkte oder Angebote einen persönlichen Schutz im Sinne einer Risikominimierung bieten. Der Kunde muss für die angebotene Ware nicht bezahlen, macht also im Zweifelsfall weder Verlust noch Gewinn und kann demnach nicht erfüllte Erwartungen an das Produkt einfach hinnehmen ohne weitere Konsequenzen. Der zentrale Punkt an dieser Stelle kristallisiert sich jedoch heraus, wenn ein Kunde positiv von einem kostenfreien Produkt überrascht wird. So erhält er einerseits beispielsweise eine kostenlose Ware, kann diese (für ihn persönlich) gewinnbringend verwenden und erhält ein positives Bild von dem jeweiligen Anbieter. Riedel schreibt dazu, ein Anbieter könne diese optimistische Wahrnehmung zu seinem eigenen Vorteil nutzen, indem etwa der besagte Kunde zu einem längerfristigen, treuen Kunden wird, der auch Waren wirklich kauft oder konsumiert.

Darüber hinaus wir bei kostenfreien Angeboten die psychologische Barriere überwunden, den Preis und den Nutzen abzuwägen, oder sogar mit anderen Anbietern zu vergleichen, sodass es dem Kunden leichter gemacht wird, sich für ein Free-Produkt zu entscheiden.

Als Praxistipp wird allerdings der Umsichtige Umgang mit kostenlosen Angeboten empfohlen, da dem Wandel eines Produktes vom kostenpflichtigen in ein Gratis-Produkt, ein geringeres Qualitätsmerkmal zugeschrieben werden könnte. Dieses Risiko wird einleuchtend anhand des Verlagsgeschäftes geschildert: Sollte ein Printmedium die Entscheidung treffen, sich weitestgehend über Werbemittel zu finanzieren und sich dann kostenlos präsentieren könnte dies folglich Veränderungen bei der Einschätzung des Mediums bei den Werbenden hervorrufen. Genauer gesagt, kann dann nicht mehr ermessen werden, welchen Wert und in welchem Maße die Leser diesem Medium zuschreiben. Eine Geldinvestition und damit die Bereitschaft, etwas für ein Medium zu leisten, würde ein Interesse oder Wunsch nach diesem Medium widerspiegeln – „Für diese Erkenntnis bezahlt der Werbetreibende bis zu fünf mal so viel, als für Gratismagazine, die möglicherweise wie Werbeprospekte wahrgenommen werden“ (Riedel 2012: 225).

Dem entgegen stehen Medien, wie bestimmte Wirtschaftsmagazine oder insbesondere Printmedien, die speziellen Interessenslagen zuzuschreiben sind. Hier verhält es sich entgegengesetzt, da diese teilweise kostenlos angeboten werden – durch Werbezwecke oder gesonderte Auflagen – da zu erwarten sei, dass die potentiellen Interessenten solch Medien später auch konsumieren und dafür bezahlen.

Diese Ausführungen können bereits zeigen, welch individuellen Abwägungen Angebot, Nachfrage und auch Finanzierungsbereitschaft unterliegen. Hinzu kommt ein sehr aktuelles und immer noch modernes Phänomen: kostenlose Angebote oder auch Vergünstigen werden mit weniger Aufmerksamkeit belohnt. Dazu schreibt Riedel: „Produkte werden konsumiert, weil sie da sind und nicht weil sie ernsthaft gebraucht werden“ (Riedel 2012: 226). Dieses Beispiel ist besonders einleuchtend, bezogen auf unsere heutige Konsumwelt. Überall Werbeanzeigen, überall Werbeflyer, Rabattangebote oder -coupons, Vergünstigungen oder gar Gewinnchancen. Sicherlich stecken in vielen von solchen Angeboten bereits einkalkulierte Preise dahinter, allerdings geht es auch darum, dass es mittlerweile solch eine Fülle an kostenlosen Angeboten gibt, die der Einzelne gar nicht mehr wahrnehmen oder verarbeiten kann.

 

Riedel, Anna. 2012. Kapitel 17 Free (Chris Anderson). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, S. 219-233. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag.

raumstation

raumstationQuelle: raumstation 2014. http://www.raumstation-berlin.net/kalender/web/area/

Wenn man bei Google „coworking berlin“ als Suchbegriff eintippt, erscheinen prompt circa 549.000 Ergebnisse (Stand 11.06.2014). Das zweite Ergebnis in der Liste liefert gleich eine „Auswahl zu Coworking-Spaces Berlin“ des Berliner Stadtportals Berlin.de mit circa 31 alphabetisch gelisteten Coworking-Spaces und einer Google Maps Übersicht dazu (BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co.KG 2014). Unter diesen Einträgen befindet sich auch raumstation – Coworking Berlin / Bürogemeinschaft.

Dieser Coworking Space sitzt in einem 800m² umfassenden Ziegelmauerwerk mit 5 Etagen in Berlin-Moabit (raumstation 2104a) und sagt selber von sich:

„…in der raumstation in Berlin Moabit, direkt im Stephankiez in der Nähe vom Berliner Hauptbahnhof, finden Freiberufler ein optimales Arbeitsumfeld und gleichzeitig eine vielfältige und internationale Gemeinschaft aus den Bereichen von (Kreativ)-Wirtschaft, Medien, IT, Musik und Non-Profit“ (raumstation 2014) .

raumstation gebäude

Quelle: raumstation. 2014. coworking in Berlin / Bürogemeinschaft. Startseite der Homepage raumstation. http://www.raumstation-berlin.net/

Etwas genauer betrachtet kommen hier verschiedenste Branchen der Kreativbereiche zusammen, wie beispielsweise Werbung & PR, Architektur, Bildende Kunst, Design, Mode & Textil, Film & Rundfunk, Games & Interactive, Literatur & Verlage, Musik, Fotografie Theater & Tanz, Eventbranche und Kulturgeschichte (Kulturprojekte Berlin GmbH 2014). Diese Fülle an Branchen spiegelt die interdisziplinäre Zusammenarbeit in einem offenen Arbeitsmilieu wieder, in dem sich verschiedene Professionen unterstützen und ergänzen (Schürholz 2014).

Angeboten werden feste eigene Arbeitsplätze mit Büroausstattung, ein Zugang rund um die Uhr, maximal 10 Arbeitsplätze pro Stockwerk, flexible Nutzungsmöglichkeiten in Form von Testwochen und keiner Mindestvertragsdauer ab 50,- €/ Monat + MwSt bis zu 215,- €/ p. Person/ Monat + Mwst – anhängig je nach Angebotsmodalitäten (raumstation 2014; 2014b).

Die Gründer des Spaces setzen sich aus Architekten zusammen, die sich 2005 unter dem Label „raumstar* büro für raumforschung“ zusammenschlossen und deren Fokus ökonomisch und sozial abgestimmte Projekte sind (raumstar*architekten 2014a). Sie erkannten das Potential der ehemaligen Porzellanmanufaktur, sodass in den Jahren 2007/2008 das Gebäude revitalisiert werden konnte. Dadurch sollten Start-up Unternehmungen attraktive und bezahlbare Nutzflächen zur Verfügung gestellt werden, die dadurch wiederum eine Chance bekommen, sich auf dem Markt zu etablieren (raumstar*architekten 2014).

Die raumstation konnte ihr Fundament legen und bietet seit 2009 vor allem Selbstständigen eine berufliche Heimat. Doch nicht nur die raumstation in der Stendaler Straße, sondern der ganze Bezirk Moabit soll saniert und revitalisiert werden, damit sich ein dezentrales Coworking-Netz etablieren kann. Dazu haben die raumstar*architekten das Projekt  „Gründernetzwerk Moabit“ ins Leben gerufen, das einen radikalen Imagewechel des Bezirkes, die Bekämpfung seines Leerstandes und seiner dadurch entstandenen Unattraktivität zum Ziel hat. Der Träger des Projektes soll sich in einer gGmhH präsentieren und mögliche Unterstützer wie Politik- und Verwaltungsinstanzen Moabits mit einzubeziehen (raumstar*architekten 2014b).

Raumstation präsentiert sich als schönes Beispiel, wie Coworkig-Spaces funktionieren und wie sich aus Ideen reelle Projekte entwickeln und etablieren können.

Bibliographie:
BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co.KG. 2014. Berlin.de. Das offizielle Hauptstadtportal. Rubrik: Suchen und Finden: coworking. Auswahl von Coworking – Spaces Berlin. Ein Eintrag vom 06.06.14. http://www.berlin.de/projektzukunft/uploads/tx_news/Coworking_Spaces_in_Berlin.pdf (Zugegriffen: 11.06.14).

Kulturprojekte Berlin GmbH. 2014. Homepage Creative City Berlin. Rubrik: Institutionen, Raumstation. http://www.creative-city-berlin.de/de/institution/raumstation/ (Zugegriffen: 11.06.14).

raumstar*architekten. 2014. büro für raumforschung. Geschäftsführer: Michael Kloos. Homepage raumstar*. Rubrik: Projekte, raumstation. http://www.raumstar.de/seiten/projekte/pr_std.html (Zugegriffen: 11.06.14).

raumstar*architekten. 2014a. büro für raumforschung. Geschäftsführer: Michael Kloos. Homepage raumstar*. Rubrik: Projekte, raumstation. http://www.raumstar.de/seiten/buero.html (Zugegriffen: 11.06.14).

raumstar*architekten. 2014b. büro für raumforschung. Geschäftsführer: Michael Kloos. Homepage raumstar*. Rubrik: Presse. http://www.raumstar.de/bilder/presse/120713_netzwerk_raumstation-raumstar*architekten.pdf (Zugegriffen: 11.06.14).

raumstation. 2014. coworking in Berlin / Bürogemeinschaft. Startseite der Homepage raumstation. http://www.raumstation-berlin.net/ (Zugegriffen: 11.06.14).

raumstation. 2014a. coworking in Berlin / Bürogemeinschaft. Homepage raumstation. Rubrik: Firmen im Haus. http://www.raumstation-berlin.net/kalender/web/area/ (Zugegriffen: 11.06.14).

raumstation. 2014b. coworking in Berlin / Bürogemeinschaft. Homepage raumstation. Rubrik: Tarife. http://www.raumstation-berlin.net/coworking_in_berlin.htm (Zugegriffen: 11.06.14).

Schürholz, Felix. 2014. Steckbrief: raumstation, Berlin. Veröffentlicht am 27. Januar 2010 von Redaktion in Kategorie: CoWorking-Verzeichnis, Praxisberichte, Beispiele, Best Practice | Trackback URL | Zur Diskussion. Aus: CoWorking News. Nachrichten und Hintergründe zu CoWorking und das deutsche CoWorking-Verzeichnis. http://www.coworking-news.de/2010/01/stechbrief-raumstation-berlin/ (Zugegriffen: 11.06.14).

 

 

 

Sind die vier aufgestellten Grundprinzipien des Collaborativen Konsums (Botsman und Roo) auf Car Sharing anwendbar?

Collaborative Fund beschreibt sich selbst als ‘Investmentfond’, unterstützt von verschiedenen Investoren, um damit in die beiden Kernbereiche kommender Businessinnovation investieren zu können: „[…] the growth of the creative class and the collaborative economy“ (Collaborative Fund 2014a). Hyperakt „[…] creates meaningful design for the common good“ und macht komplexe Inhalte zugänglich (Hyperakt 2014). Solch einen komplexen Inhalt haben diese beide „Firmen“ gemeinsam zum Car Sharing erarbeitet und bemerkenswert in eine Infographic verwandelt. Diese ‚Landschaft’, erstmalig veröffentlicht im Jahre 2011,  zeigt einen weltweiten (Erfolgs-)Auszug zum Car Sharing und seine Auswirkungen auf die jeweilig aufgeführten Länder (Collaborative Fund 2014b). Der Eingangstext zur ‚großen Zukunft’ des Carsharing lautet wie folgt:

“A car used to be the ultimate symbol of freedom and independence but increasingly consumers view ownership as an expense and a burden. Often considered the gateway to other forms of Collaborative Consumption, Car Sharing is becoming increasingly popular with its promise of personal convenience and social improvement. It is time to explore this new age where access is better than ownership” (Collaborative Fund 2014b).

Wahrlich sind einige eindrucksvolle Daten zu verzeichnen. In den Vereinigten Staaten kauften 2009 10 Millionen Einwohner ein Auto, während 14 Millionen ihr Auto verkauften oder anderweitig abschafften. Japan hat im Jahre 2011 einen 30%igen Rückgang in der Erwerbsbranche von Autos verzeichnet. In Deutschland hat sich die Zahl der AutokäuferInnen zwischen 18 und 29 von circa 16% auf weniger als die Hälfte reduziert. Die Beispiele ließen sich noch unzählig erweitern (vgl. ebd.).

Doch ist das Erfolgsmodell Car Sharing auch auf die Theorie von Botsman und Roo anzuwenden, nach der es grundlegend vier Prinzipien des Gemeinsamen Konsumierens gibt?

Als erstes Prinzip wird die ‚critical mass’ genannt, der die Autoren eine essentielle Bedeutung für ein funktionierendes Collaborative Consumption Konzept zuschreiben. Den Nutzenden muss eine gewisse Auswahlmöglichkeit gelassen werden, was sich bezogen auf die Autobranche beispielsweise in verschiedenen Autotypen, preislichen Angeboten oder Standortbedingen niederschlagen kann. Weiterhin sollte der individuelle Nutzerbedarf gedeckt sein und vor allem Nutzererwartungen müssen positiv ausfallen. Dies kann bezogen auf eine gewisse Einwohneranzahl die Autoanzahl betreffen, um auch wirklich Fahrzeuge zur Verfügung stellen zu können, gerade wenn viele NutzerInnen zu einem Zeitpunkt bereits aktiv sind (Botsman; Roo 2011. vgl. 75-80).

Wenn diese ersten Aspekte erfüllt sind verweisen die Autoren auf den zweiten essentiellen Teil eine ‚kritische Masse’ zu erreichen – ‚Social Proof’. Gemeint ist an dieser Stelle die Überwindung der psychologischen Barriere, die potentielle Konsumierende zunächst einmal bezwingen müssen, um etwas ‚Neues’ in den Alltag einzubauen und Gewohnheiten zu ändern. Nach dem zunächst banalem Motto – wenn viele etwas nutzen, zieht dies wiederum neue Nutzer an: „It is a primitive instinct and a cognitive shortcut that allows us to make decisions based on copying the actions or behaviors of others” (ebd. 82.). (vgl. ebd. 81f.) Das zweite Prinzip ist ‘Idling Capacity’ in dem Sinne, dass, in diesem Fall das Objekt Auto, de facto im Durchschnitt nur eine geringe Zeit genutzt wird. Die Kosten für die Instandhaltung, Versicherung und Benzin eines eigenen Autos sind jedoch weitaus höher im Gegensatz zu zeitbegrenzter Nutzung eines Car Sharing Fahrzeuges, bei dem am Ende nur eine Pauschale zu begleichen ist (vgl. ebd. 83-88).

Das dritte Prinzip basiert auf ‚Belief in the Commons’. „[…] the more users who participate in programs […] the better the system works for everyone – there is a network effect” (ebd. 91). Beim peer-to-peer Car Sharing können an dieser Stelle Absicherungen und Einnahmen genannt werden. Umso mehr Privatpersonen ihr Auto zur Verfügung stellen, umso sicherer werden die Tauschverträge geregelt werden, da ganz einfach immer mehr Erfahrungspotential gegeben ist und sich immer mehr Nutzende oder Interessierte mit diesem Angebot auseinandersetzen. Auch können sich Angebote für NutzerInnen(finanziell) verbessern und den Anbietenden eine sichere Einnahmequelle liefern. Ähnlich kann dieses Prinzip auf das ‚kommerzielle’ Car Sharing angewendet werden, da zum Beispiel stabile Preise oder benutzerorientierte Angebote sich zumeist nur durch einen rentablen Rückhalt der jeweiligen ‚Firma’ verwirklichen lassen (vgl. ebd. 88-91). Hierzu passt auch das vierte Prinzip des ‚Trust Between Strangers’. Vertrauen in den angebotenen Service oder in die einzelnen Anbietenden stellt einen zentralen Punkt im Gemeinsamen Konsumieren dar. Durch etablierte Bewertungssyteme, persönliche Angaben oder Erfahrungsberichte von vorherigen NutzerInnen können Sicherheiten und Gewissheiten ergeben und Berührungsängste oder Misstrauen genommen werden. „[…]  peer-to-peer trust is relatively easy to create and manage, and most of the time the trust is strengthened, not broken” (ebd. 93). (vgl. ebd. 91-93).

Die wenigen Beispiele sind bereits in der Lage zu zeigen, dass die vier aufgestellten Prinzipien von Botsman und Roo durchaus auf ‚die Modelle’ des Car Sharing anzuwenden sind. Auch die oben genannte infographic kann die Funktionsfähigkeit der Phasen unterstreichen, da die Zahlen deutliches Wachstum, Annahme und Nutzung von Car Sharing belegen.

Bibliographie

Botsman, Rachel; Roo Rogers. 2011. The Rise of Collaborative Consumption. In: What’s Mine Is Yours: The Rise of Collaborative Consumption, 67–96. London: Collins.

Collaborative Fund. Backs The Shared Future. 2014a. http://collaborativefund.com/ (Zugegriffen: 13.05.2014)

Collaborative Fund. Backs The Shared Future. 2014b. The future of Car Sharing. http://futureofcarsharing.com/ (Zugegriffen: 13.05.2014)

Hyperakt. 2014. 401 Smith Street, Brooklyn NY, 11231. 1.718.855.4250. F or G to Carroll Street. http://hyperakt.com/about/ (Zugegriffen: 13.05.2014)

 

 

Vernetzte Informationswirtschaft und Peer-Verfahren

Was ist Peer-Produktion bei Yochai Benkler?

Welche Beispiele fallen Dir jenseits von Wikipedia ein?

Tilo Schmaltz skizziert in seinem Text Vernetzte Informationswirtschaft Yochai Benklers gleichnamige Theorie zum „[…] Einfluss der Sozialen Medien auf die Produktion von Informationsgütern“ (vgl. Schmaltz 2010: 174). Gemeint sind hier vornehmlich digitale Informationsgüter des Internets, die nach Benkler – von ihrer Erzeugung her – in industrielle Informationsproduktion und soziale Informationsproduktion unterteilt werden können. Während erstere vor allem die finanziellen Aspekte – eben Produktivität und daraus entstehende möglichst hohe Gewinnspannen – fokussieren, beruft sich zweitere auf  sozialpsychologische und emotionale Motivationsmuster (vgl. ebd. 174ff.).

 „Die für soziale Informationsproduktion typische Organisationsform […]“ ist die „[…] Peer-Produktion […]“, eine modulare Gruppenstruktur, in der sich einzelne voneinander unabhängige Personen als Peers zur gemeinschaftlichen Produktion zusammenfinden“ (Schmaltz 2010: S. 177).[1]

In dieser Gruppenstruktur werden Aufgaben – das Erstellen von Informationen, wie beispielsweise ein Text – in einzelne Module zergliedert, um diese dann dezentralisiert von den jeweiligen Peers bearbeiten und erstellen zu lassen. Als weltbekanntes Exempel dient an dieser Stelle Wikipedia, bei der eine Vielzahl von Einzelpersonen autark, an primär Texten, arbeiten und modulieren kann. Neben dieser ‚freien Enzyklopädie’ gibt es eine Reihe anderer  Internetunternehmen, -projekte, etc., die bei Weitem nicht so namhaft sind, doch denselben Peer-Verfahren unterliegen. Dazu gehören zum Beispiel Software-Projekte wie Linux[2] (vgl. Siefkes 2010), ein (meist) kostenloses downloadbares Computerbetriebssystem, mit freier Software-Lizenz, die es gestattet

„[…] – ganz im Gegensatz zu den bekannten proprietären Lizenzmodellen – die Software nach Belieben zu vervielfältigen und weiterzugeben, weiterzuentwickeln und sogar zu verkaufen, vorausgesetzt, die Empfänger der Software erhalten wieder die gleichen Rechte und der vollständige Quelltext, der zur Erstellung der Software erforderlich ist, ist verfügbar“ (KNOPPER.NET 2014).

Oder auch  Firefox (vgl. Siefkes 2010), ein kostenloser Internetbrowser mit vielen Zusatztools, der Offenheit, Innovation und Chancen im Web fördern möchte. Dazu arbeitet, wie Mozilla selbst angibt, eine weltweite Gemeinschaft von Technologen, Denkern und Entwicklern zusammen, um vornehmlich das Internet für Menschen auf der ganzen Welt zugänglich zu erhalten:

„Wir glauben, dass dieser Akt menschlicher Zusammenarbeit auf einer offenen Plattform unabdingbar für individuelles Wachstum und unsere gemeinsame Zukunft ist“ (vgl. Mozilla.org 2014).

Ein weiteres Beispiel stellt das 2004 ins Leben gerufene OpenStreetMap-Projekt dar, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine frei zugängliche ‚Weltkarte’ im Internet zu kreieren (vgl. FOSSGIS e.V. 2014a). Auf der Homepage des sich immer weiter entwickelnden Projektes wird ohne Abweichungen klar erklärt:

„Weil wir die Daten selbst erheben und nicht aus existierenden Karten abmalen, haben wir selbst auch alle Rechte daran. Die OpenStreetMap-Daten darf jeder lizenzkostenfrei einsetzen und beliebig weiterverarbeiten“ (FOSSGIS e.V. 2014b).

Und weiter heißt es:

 „OpenStreetMap beendet die Abhängigkeit von den Anbietern proprietärer Daten und setzt dem reinen Konsumieren kreative Aktivität entgegen. Durch die Zusammenarbeit der Projektmitglieder entsteht eine freie Geodatenbank, die weltweit allen Menschen zur Verfügung steht“ (ebd.).

Darüber hinaus existieren Programme wie das PEER-Projekt an Fahrschulen, welches mit Unterstützung der Europäischen Kommission das Ziel verfolgt, insbesondere zukünftige Fahranfänger für mögliche Risiken durch Genussmittel im Straßenverkehr sensibilisieren will. Gleichaltrige in Fahrschulen

„[…] informieren die Fahrschüler/innen in zusätzlichen Einheiten über die Gefahren von Alkohol und Drogen im Straßenverkehr und diskutieren zusammen über mögliche Folgen. In den so genannten PEER-Einheiten werden gemeinsam mit den Fahrschülern Strategien und Regeln entwickelt, wie alkohol- und drogenbedingte Rauschfahrten vermieden werden können“ (MISTEL/SPI Forschung gGmbH 2014).

Diese Beispiele zeigen (zumindest ansatzweise) eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie Peer-Verfahren funktionieren können, wie sie angewendet werden und wofür sie stehen. Weiterhin unterstreichen sie nicht nur Benklers Feststellung, dass die Verbreitung kollektiver Produktionsformen bereits von großer Bedeutung ist (vgl. Schmaltz 2010: 174), sondern  auch, dass die Vernetzte Informationswirtschaft – an sich – zunehmend an Bedeutung gewinnt. Gleichsam kann besonders durch die zitierten Aussagen der einzelnen Unternehmen/Projekte das gegenüberstellende ‚Rechenbeispiel’ zu Wikipedia und der kostenpflichtigen Encyclopaedia Britannica weiter verdeutlicht werden. Dies ist wiederum erneut eine Bestätigung zu Benklers Ansicht, die Effizienz sozialer Informationsproduktion steigere den gesellschaftlichen Wertezuwachs und führe dementsprechend auch zur weiteren Verbreitung der jeweiligen Inhalte. Die zukünftige Forschung wird zeigen, inwieweit die Medien als die Veränderung der Gesellschaft gesehen werden können und inwieweit und vor allem wohin – in welche Richtung, mit welchem Ausmaß – sich die so genannten Peer-Projekte hin wandeln oder weiterentwickeln. (vgl. ebd.: 180f).

[1] Schmaltz definiert Peer als Individuen, mit äquivalenten Beziehungen zueinander (vgl. ebd.; Fußnote 10)

[2] Korrekterweise GNU/Linux (vgl. KNOPPER.NET 2014).

 

Bibliografie

FOSSGIS e.V. 2014a. ©OpenStreetMap Mitwirkende. OpenStreetMap – Deutschland. http://www.openstreetmap.org/about (Zugegriffen: 28.04.2014).

FOSSGIS e.V. 2014b. FAQs: Fragen und Antworten. OpenStreetMap – Deutschland. http://www.openstreetmap.de/faq.html#was_ist_osm (Zugegriffen: 28.04.2014).

KNOPPER.NET. Dipl.-Ing. Klaus Knopper. 2014. Linux. http://www.knopper.net/linux/ (Zugegriffen: 27.04.2014)

MISTEL/SPI Forschung gGmbH. An-Institut der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH). 2014. Konzept. (PPF). PEER-Projekt an Fahrschulen – Information und Aufklärung für Fahrschüler/innen und junge Fahranfänger/innen über die Gefahren von Alkohol und Drogen im Straßenverkehr. http://www.peer-projekt.de/kid-55-titel-Konzept-PPF.html (Zugegriffen 27.04.2014).

Mozilla.org. 2014. Mozilla. Wir bauen ein besseres Internet. http://www.mozilla.org/de/mission/ (Zugegriffen 27. 04.2014).

Schmaltz, Tilo. 2012. Kapitel 13 Vernetzte Informationsgesellschaft (Yochai Benkler). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, S. 174-181. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag.

Siefkes, Christian. 2010. Was ist Peer-Produktion? Wie man nützliche Dinge herstellt – freiwillig und ohne Boss. Aus: Oya – anders denken.anders leben (Oya Medien eG). Oya Ausgabe 03/2010. http://www.oya-online.de/article/read/123.html (Zugegriffen: 27.04.2014).