Freenomics und die bunte Gratiswelt

ProGRATISationsProtokoll

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Quellen:

Anna Riedel, 2012, Kapitel 17 Free (Chris Anderson), In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hrsg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, S.219-233, 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag.

Chris Anderson, 2009, Free: The Future of a Radical Price, 1. Auflg., Hyperion Books, New York.

Springer Gabler | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Prof. Dr. Dirk Piekenbrock und Prof. Dr. Daniel Markgraf, Version 6, Komplementärgut, http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/56949/komplementaergut-v6.html (letzter Zugriff: 23.06.2014).

Bildquellen (Zugriff: 25.06.2014):

1 http://www.payback.de/pb/id/386282/

2 http://www.lieferheld.de/

3 http://kleinanzeigen.ebay.de/anzeigen/stadt/berlin/

4 http://www.zalando.de/

5 http://www.payback.de/pb/cfgName/punkte_einloesen_nav_cat/id/650620/?s_ixcid=20_000_000

6 http://www.agapetouch.net/2/archives/05-2013/1.html

Collaborative Consumption

 – teilen geht nicht allein

Nach Yochai Benkler basiert die vernetzte Informationswirtschaft primär auf der durch das Internet bereitgestellten Partizipationsmöglichkeit für Privatpersonen. Über das Internet verbunden können sie aktiv und von einander unabhängig an der Informationsproduktion teilnehmen. Dabei treten sie nun nicht mehr ausschließlich als Konsument sondern auch als Produzent auf. Benkler bezeichnet dies als Dezentralisierung (1).

Das kollaborative System beruht nicht auf finanzieller, sondern auf sozialpsychologischer und emotionaler Motivation (2). Nicht-monetäre Anreize begünstigen das Prinzip der Arbeitsteilung: Um eine Aufgabe zu lösen, wird jene in verschiedene Arbeitsschritte untergliedert. Diese Teilaufgaben werden dann von verschiedenen Individuen bearbeitet. Je mehr Personen also helfen, einen Beitrag zur Realisierung eines Projekts zu leisten, desto kleiner wird der Aufwand für die Einzelperson und umso größer ist die Effizienz.

Rachel Botsmann und Roo Rogers definieren den Kern der Collaborative Consumption über die direkte Interaktion von Personen. Durch das Kollektiv wird ein Zugang zu Produkten und Dienstleistung ermöglicht, welcher weitreichender und nachhaltiger Natur ist. Gleichzeitig werden Geld, Raum sowie Zeit gespart und neue Kontakte geknüpft. Signifikant ist die Bedeutung der aktiven Partizipation (3). Von sozialen Netzwerken getragen, den neuen Glauben an die Bedeutsamkeit der Gemeinschaft im Gepäck, das ökologische Bewusstsein unter den Arm geklemmt und mit den Kosten im Blick würden wir uns von stark zentralisierten und kontrollierten Konsumformen weg und hin zu kooperierenden und offenen Gemeinschaften des Teilens bewegen (4).

Ein Paradebeispiel hierfür sind Tauschringe. Am Beispiel der TimeBank wird der „network effect“ (5) besonders deutlich. Jede einzelne Person, die sich in der Gemeinschaft einbringt, erzeugt einen Nutzen für eine andere Person, auch wenn dies zunächst möglicherweise gar nicht ihre Intention war (6).

Der Rechtswissenschaftler, Dr. Edgar S. Cahn, gründete 1995 das Time Dollar Institute, welches heute die TimeBanks USA ist (7). Sie ist eine Plattform, welche die Möglichkeit bietet Tauschringe zu organisieren. Nach dem Prinzip des Gebens und Nehmens finden sich Einzel-/Privatpersonen, Organisationen oder Vereine zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich gegenseitig helfen möchten. Sie gründen eine TimeBank. Die verschiedenen TimeBanks können dann auch untereinander kooperieren (8).

Ich mache das, was mir Spaß macht, was ich kann

und nicht das, was ich machen muss, was mir vorgeschrieben wird

Jeder kann etwas und jeder braucht auch mal Hilfe. Ich bräuchte derzeit zum Beispiel jemanden, der mir eine Gardinenstange in meiner Küche, welche dort seit zwei Jahren undekorativ an die Wand gelehnt im Weg steht, anbringt. Ich kann dafür Bewerbungen überarbeiten, Trainingspläne erstellen oder auch einfach nur bei einem Glas Wein Nägel lackieren und ein offenes Ohr haben. Mein Helfer bräuchte meine Hilfe aber gar nicht/noch nicht in Anspruch zu nehmen, denn die TimeBank-Stunde, das fiktive Zahlungsmittel, wird (online oder telefonisch) auf einem Zeitkonto gutgeschrieben.

Eine Stunde einander helfen = eine TimeBank-Stunde

In dem Video auf der Website wird die Tauschgemeinschaft „Long Beach“ vorgestellt und exemplarisch die Funktionsweise der TimeBanks erläutert.                               Interessant dabei sind die unzähligen Nebeneffekte, die solch ein Netzwerk aufweist. Zunächst bietet es die Möglichkeit, seine Nachbarn kennenzulernen, die Menschen in seiner näheren Umgebung. Besonders spannend ist auch die motivierende Wirkung: arbeitslose Personen werden durch die Partizipationsmöglichkeit angeregt rauszugehen, sich nicht zu verkriechen. Man macht Sachen nicht für Geld, sondern weil sie einem Spaß machen. Das Netzwerk motiviert dabei auch neue Dinge auszuprobieren. Es werden keine Arbeitsaufträge diktiert und erledigt, sondern man macht das, was man kann. Durch den Tauschringcharakter wird kein unmittelbarer Haken hinter eine erledigte Aufgabe gesetzt, denn auf Grund der Interaktion entstehen soziale Beziehungen. Es wird eine Gemeinschaft geschaffen, die individuelle Freiheit und kollektive Fürsorge gewährleistet (9).

So sehr der solidarische, nicht-monetäre Charakter aber auch propagiert wird, ist die Partizipation in der Gemeinschaft einer TimeBank nicht kostenlos. Bei einer Gruppengröße von 1-25 Mitgliedern sind zum Beispiel 25 Dollar im Jahr zu zahlen.                             

Kritisch zu betrachten ist des Weiteren die Tatsache, dass solche Tauschbörsen durchaus eine Art (Schwarz-) Markt darstellen. Qualitätsgarantien, Verbraucherschutz oder Haftung im Schadensfall werden ausgeklammert. Hat der Helfer zum Beispiel meine Gardinenstange nicht fachgerecht angebracht und sie fällt mir später auf den Kopf, hab ich schlechte Karten hinsichtlich Anspruch auf Schadensersatz. Außerdem hab ich die Dienstleistung inklusive Steuern nicht bezahlt, was der „momentanen“ Gesellschaft schadet.

Zusammenfassend stelle ich jedoch fest, dass solch ein Tauschsystem zunächst eine sinnvolle Ergänzung zu den bisherigen Konsumformen darstellt.

 


 

(1)    Vgl. Schmaltz, Tilo. 2012. Kapitel 13 Vernetzte Informationsgesellschaft (Yochai Benkler). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, Hg. Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, 1. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag: 175.

(2)    Vgl. ebd., 177.

(3)    Vgl. Botsman, Rachel und Rogers, Roo. 2011. The Rise of Collaborative Consumption. In: What’s Mine Is Yours: The Rise of Collaborative Consumption. London: Collins: xv/15 f.

(4)    Vgl. ebd., xx/20.

(5)    Ebd. 91.

(6)    Vgl. ebd., 91.

(7)    TimeBanks USA. What is Timebanking. 2014. http://timebanks.org/what-is-timebanking/. (Zugegriffen am 13.05.2014).

(8)    TimeBanks USA. About Timebanks USA. 2014. http://timebanks.org/about/. (Zugegriffen am 13.05.2014).

(9)    Vgl. Botsman, Roo 2011: 68.

Video: LongBeach TimeExchange. The Long Beach Time Exchange. 01.12.2013. http://www.youtube.com/watch?v=1yEfIgxViDc. (Zugegriffen am 13.05.2014).

 

Paradigmenwechsel: Danke, liebes Inter-nett!

Yochai Benkler prognostiziert eine fundamentale Veränderung der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme. Das Internet pflastert jenen Pfad, der zu offenen und demokratischen Strukturen führt. Dessen Grundstein ist durch den technologischen Fortschritt gelegt.

Das Internet als frei verfügbares Kommunikationsmedium steht den hierarchischen Strukturen geschlossener Produktionsverfahren gegenüber. Jedes Individuum kann über ein Endgerät seiner Wahl (Smartphone, Computer etc.) zu jederzeit Information produzieren. So entwickelt sich eine dezentrale Informationsproduktion, die sich dadurch kennzeichnet, dass viele Informationen über unabhängige Privatrechner, welche über das Internet verbunden sind, von Individuen produziert werden. Dabei entstehen zunächst keine monetären Kosten. Es heißt, dass „sozialpsychologische und emotionale Motivationsmuster“ jenem Produktionsverfahren zu Grunde liegen.

Benkler stellt außerdem wirtschaftlich orientiert Aufwand und Ertrag gegenüber. Der Aufwand beschränkt sich bei der vernetzten Informationsgesellschaft auf die aufzubringende Zeit und die intellektuelle Leistung des unabhängig informationsproduzierenden Individuums. Somit ist der soziale Nutzen, der Ertrag für die Gesellschaft um ein Vielfaches höher, als bei industrieller Produktion. Die fehlende Kalkulierbarkeit sieht er dabei als Potential für die soziale Informationsproduktion und fordert eine neue Rechtsgrundlage für die Zukunft.

 

Quelle:
Schmaltz, Tilo. 2012. Kapitel 13 Vernetzte Informationsgesellschaft (Yochai Benkler). In: Social Media Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle, hg. von Daniel Michelis und Thomas Schildhauer, 174–181. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verl.